Einander als Gefährten entdecken

Steffi Baltes erlebt Frodo, Sam und Aragorn in ihrem Hauskreis.

Spätestens seit der eindrücklichen Verfilmung von J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“, deren erster Teil „Die Gefährten“ hieß, habe ich das etwas verstaubt wirkende Wort ins Herz geschlossen. „Gefährte“ stammt aus ferner Vergangenheit, vom Althochdeutschen „giferto“, was so viel wie Fahrtgenosse oder Mitreisender bedeutet. Gefährten sind Menschen, die miteinander auf dem Weg sind. Die in die gleiche Richtung blicken und gehen. Die ein Stück weit ihr Leben miteinander teilen. Die einander helfen, das große Ziel ihrer Reise, das himmlische Vaterhaus, zu erreichen. Und die sich unterstützen, die (durchaus je individuellen) Etappenziele auf dieser Reise zu erreichen. Die einander aufhelfen und tragen, wenn einer nicht mehr weiterkann. Die zusammenstehen und bis zu einem gewissen Grad auch Freude und Leid miteinander teilen. Gefährten eben. Ähnlich wie Frodo, Sam oder Aragorn. Für mich ist mein Hauskreis zu einer solchen Gruppe von Gefährten und Gefährtinnen geworden. Wir ringen miteinander und umeinander. Im Glauben. In unseren charakterlichen Schwachpunkten oder Stärken. Mit unseren ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten.

Wir sind schon sehr lange gemeinsam unterwegs, auf unserer Reise des Glaubens und des Lebens – miteinander, mit Gott und zu Gott hin. Wären meine Gefährten nicht gewesen, wäre ich vielleicht schon unterwegs auf der Strecke geblieben oder hätte mich, um in Tolkiens Begriffen zu sprechen, von den Schatten Mordors einschüchtern oder verschlucken lassen. Doch die Mitglieder eines Hauskreises können einander zu „Gefährten des Lichts“ werden. Droht dem einen der Mut zu entgleiten, die Flamme der Gottes- und Menschenliebe zu verlöschen, hält ein anderer das Licht hoch und leuchtet voran.

Doch machen wir uns nichts vor – Gefährtenschaft wird immer auch ein Stück weit gebrochen bleiben: Man denke nur an Boromir, einen aus der Gemeinschaft der Ringgefährten, oder gar an Judas, einen der zwölf Gefährten Jesu. Das ist so, weil Gefährtenschaft immer unter den Bedingungen ganz normalen menschlichen Lebens mit all seinen Höhen und Tiefen existiert. Und dennoch ist sie ein großes Gottesgeschenk. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Es lohnt sich, miteinander im Hauskreis oder in einer Lebensgemeinschaft unterwegs zu sein, für kürzere oder längere Zeit. Denn Gefährten stützen einander, spornen einander an, setzen einander frei, um im familiären und beruflichen Umfeld, am Heimatort, in Kultur und Gesellschaft Segensbringer und Lichtträger sein zu können. Vielleicht betet ihr mit den Mitgliedern eures Hauskreises darum, dass Gott euch zeigt, wie ihr einander immer mehr zu Gefährten werden könnt …

wo sind sie
die gefährten
gemeinschaft der beherzten
die alles riskieren
und vertrauen, dass der geist des herrn
der den tod überwand leidenschaftlich in ihrem leben wirken
und sie zusammenschmelzen
darf damit keiner allein stehe wider das dunkel
und das licht aufstrahle für viele

(aus: Wie Gefährten leben – Eine Grammatik der Gemeinschaft.
Die OJC-Kommunität mit Dominik Klenk. Brunnen Basel / Fontis-Verlag 2013.)

 

Steffi Baltes ist Pfarrerin i. E. der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Im Christus-Treff, einer ökumenischen Gemeinschaft in Marburg, koordiniert sie zusammen mit einem Team die Hauskreisarbeit.